Snow Patrol
Chocolate
2003
Ich muss gestehen, wenn es um Musik geht, kann ich zuweilen ganz schön diskriminierend werden. Für mich steht zum Beispiel schon mal aus Prinzip fest, dass eine Indie-Band, so gut sie vorher auch gewesen sein mag, automatisch schlecht wird, wenn sie in den Mainstream aufsteigt und im Radio gespielt wird. Jeder kann sie da hören, so eine Unverschämtheit! Wahrscheinlich bilde ich mir grundsätzlich zu viel darauf ein, dass ich Bands kenne, deren Namen andere noch nicht mal aussprechen könnten, und die zum Teil auch genau solche Musik machen. Andererseits ist es leider auch eine oft beobachtete Tatsache, dass Bands ihren Biss verlieren, sobald sie dazu genötigt werden, radiotaugliche Musik zu machen.
Vorhang auf für das beste aller Beispiele dieses Vorgangs: Snow Patrol. Nun werden sich vermutlich einige verwundert am Kopf kratzen und fragen, was, das soll eine Indie-Band sein? Ja, nein, das ist ja genau mein Punkt. Ich lernte Snow Patrol 2003 kennen, als gerade ihr drittes Studioalbum „Final Straw“ erschienen war, das wie kein zweites den Geist meiner Generation einzufangen schien. Jede Generation braucht so jemanden, der poetisch in Worte fasst, wie man sich fühlt. Wie sich schnell herausstellte, fand das sonst keiner, weil nämlich niemand die Band kannte.
Fünf Jahre lang hatte ich Snow Patrol für mich, 2008 dann stolzierte eine Leona Lewis daher, coverte den Song „Run“ und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Es gibt inzwischen praktisch keine Serie und keinen Film mehr, zu dem nicht irgendein Spaßvogel bei YouTube ein Video auf „Run“ geschnitten hätte, es wär zum Heulen, wenn’s nicht schon wieder zum Lachen wäre. In der Folgezeit wurden dann weitere gute Songs von Snow Patrol ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, und siehe da, „A Hundred Million Songs“ wurde ein uninspiriertes Album ohne jeden Anspruch. Von „Fallen Empires“ wollen wir gar nicht erst reden, da hat mir das Probehören wortwörtlich die Tränen in die Augen getrieben. Für mich ist das traurig, auch wenn ich der Band den Erfolg natürlich gönne.
Warum nun aber habe ich mir ausgerechnet „Chocolate“ als Aufhänger ausgesucht? Wie gesagt, das ganze Album spricht mir aus der Seele. Aber „Chocolate“ war der erste Song, den ich hörte, und er verband zwei Dinge, die ich zu der Zeit abgöttisch liebte: Indie-Musik und „Harry Potter“. Jemand hatte ein Musikvideo zu „Der Gefangene von Askaban“ auf den Song geschnitten, der Witz war einfach der, dass Lupin Harry ständig Schokolade gibt, wenn gerade ein Dementor vorbeigeschaut hat. „Chocolate“ wurde für Wochen mein Lieblingssong, bis ich schließlich dem Album eine Chance gab und so positiv überrascht wurde. Andererseits, kann man mit Schokolade überhaupt je was falsch machen?
Übrigens, das Wort „Chocolate“ taucht im Text des Songs nicht ein einziges Mal auf.
@Deee: Gönnen tu ich's ja auch allen, ich glaube nur, es baut generell zu viel Druck auf. Weniger bekannte Bands können sich mehr austoben, was meistens besser ist.
Mit Büchern kenn ich das übrigens auch, ich war ja anfangs total anti "Harry Potter" und hab mich strikt geweigert, das zu lesen. Das liegt bestimmt daran, dass wir gerne selber entdecken statt uns den Geschmack der Masse aufdrücken zu lassen.
@Anonym: "Chasing Cars" kann's auch gewesen sein, aber da wüsste ich jetzt keinen konkreten Zeitpunkt wie bei "Run". Wie gesagt, es hat gewiss etwas mit dem Druck zu tun, den die Labels ausüben, sobald mal ein Hit kam. Dann wollen sie nur noch Hits, und das kann einfach nicht funktionieren.
Der Hype hat doch schon mit Chasing Cars angefangen, oder nicht?
Mir ging es ähnlich wie dir: war ein großer Fan ihres 3. Albums (Final Straw) und heule, wenn ich die Band jetzt in der Ultimativen Chart Show auf RTL auftreten sehe vor Leuten, die nur Chasing Cars und Run ("eh, das ist doch von Leona Lewis!") kennen.
Natürlich gönnt man seinen Lieblingsbands den Erfolg, aber der Nachteil ist eben, dass sie nur noch in großen Hallen spielen.
Cooles Video… Das Lied ist ein bisschen eintönig und plätschert so dahin, aber das Video ist witzig. Und so aktuell im Jahr 2012!
Jedenfalls, das Problem mit Mainstream = automatisch schlecht habe ich bei Büchern. Bei Musik gar nicht, ich kenne zwar auch sehr viele sehr unbekannte Bands (die nach einem Konzert eigenhändig ihr Zeug von der Bühne abräumen), aber ich hoffe immer, dass sie groß raus kommen. Was kann sich ein Sänger/eine Band mehr wünschen, als dass seine Lieder im Radio gespielt werden? Nein, sowas gönne ich denjenigen immer.
Anders wie gesagt bei Büchern. Wenn ich weiß, dass eine Buchreihe total gehypt wird, muss sie sich viel mehr als unbekanntere Bücher bei mir beweisen. Mir zeigen, dass der Hype gerechtfertigt wird. Je mehr Fans, desto höher meine Akzeptanzschwelle.
Vielleicht, weil es so viele Hype-Bücher gibt, die ganz objektiv gesehen schlecht sind, oder die sich mir einfach nicht als etwas Hypenswertes erschließen.
Seltsam, diese Psychologie.